Mitglied eines indigenen Volks
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Warum wir indigenen Völkern bei Umweltthemen besser zuhören sollten…

Wie viele km² werden weltweit von indigenen Völkern bewirtschaftet?
  • 3 Millionen km² (so groß wie Indien)
  • 17 Millionen km² (so groß wie Russland)
  • 38 Millionen km² (größer als der ganze Kontinent Afrika)

Aber zuerst einmal die Basics...

Indigene Völker: Wer ist damit gemeint?

Zu "indigenen Völkern" gehören eine Vielzahl unterschiedlichster Völker, welche nicht unbedingt miteinander zu tun haben müssen. Es gibt also nicht "ein" indigenes Volk - und trotzdem gibt es ein paar Punkte, die alle indigenen Völker gemeinsam haben:

  • Sie haben das Gebiet schon vor der Kolonialisierung und/oder der Errichtung der heutigen Grenzen besiedelt

  • Sie definieren sich selbst als Indigenes Volk

  • Für viele Angelegenheiten, die indigene Völker betreffen, haben Staaten eigene Regeln eingeführt

Warum uns das Thema wichtig ist? Ganz einfach: Die Rolle Indigener Völker wird in der Klimadebatte immer noch viel zu oft vernachlässigt → Im letzten IPBES*-Bericht (einer internationalen Expert:innen-Gruppe, die sich mit den Themen Nachhaltigkeit und Umweltpolitik befasst) wird die Relevanz dieser Gruppen verdeutlicht. Gleichzeitig wird dazu aufgerufen, “die uneingeschränkte und gleichgestellte Beteiligung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften an internationalen Prozessen zu gewährleisten”.

Kurz gesagt: Indigene Völker sollen das Recht bekommen, bei Verhandlungen und Abkommen über das Klima mitzureden! Denn was können wir von ihnen lernen?

Indigene Völker und ihr Verhältnis zur Umwelt

Zuerst einmal ist wichtig zu wissen: Der nachhaltige Lifestyle indigener Völker ist seit der Kolonialisierung und dem Beginn der Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch uns Industrieländer stark gefährdet.

Auch wenn indigene Völker ganz unterschiedlich leben, haben sie doch ein paar Gemeinsamkeiten. Die Menschenrechtsaktivistin Adriani Maffioletti, die selbst von den südamerikanischen Guaraní abstammt, erklärt das so:

“Ich habe viele Gemeinschaften gesehen, die zwar unterschiedliche Lebensstile verfolgen, aber trotzdem alle einen großen Wert auf Nachhaltigkeit legen.”

“Nachhaltig leben” kann ganz unterschiedlich aussehen. Wichtig ist dabei vor allem, dass die Umwelt nicht übermäßig beansprucht wird. Taneyulime Pilisi, Vorsitzende der Organisation AUKAE, vom Volk der Kalina (ursprünglich von den nördlichen Küstengebieten Südamerikas), hat ganz konkrete Vorstellungen davon:

  • Niemals “just for fun” in die Natur eingreifen: Aktivitäten wie jagen, fischen oder Bäume fällen sollten nur dann durchgeführt werden, wenn es wirklich notwendig ist

  • Nicht einfach irgendwas irgendwo anpflanzen, ohne dass sich die Erde zwischendurch mal erholen kann

  • Auf die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung Rücksicht nehmen

→ Adriani Maffioletti und Taneyulime Pilisi sind sich außerdem einig, dass ihr Volk im Einklang mit der Natur lebt. Sie haben daher einen anderen Bezug zum Umgang mit der Natur und sehen sich nicht als berechtigt, diese zu besitzen oder gar auszubeuten.

Historisch gesehen wurde das Leben im Einklang mit der Natur erst durch die Folgen der Kolonialisierung zerstört, also als vor allem Europäer:innen nach neuen Gebieten gesucht und diese für sich beansprucht haben, in Amerika, Afrika und Asien.

Eugénie Clément-Picos, Doktorandin und Sozialanthropologin am EHESS (französische Hochschule für Sozialwissenschaften) und Koordinatorin am Amerika-Institut der Universität Kalifornien (UCLA), erklärt dies am Beispiel des Navajo-Volks aus Nordamerika, mit dem sie zusammenarbeitet:

“Diese gegenseitigen Abhängigkeiten, die die Navajos als "K’és" bezeichnen, rückten durch die Kolonialisierung immer weiter in den Hintergrund. Das ist auch vergleichbar mit einem Ethnozid*: Zwangsinternierungen, der Druck zur Assimilierung, indem die Kinder in Internate gezwungen wurden, wo sie nicht mehr ihre Muttersprache lernen durften.”

Die Navajo wurden von ihren gewohnten Praktiken und Traditionen, die das ökologische Gleichgewicht ganz automatisch aufrechterhalten haben, mehr und mehr distanziert und in westliche Verhaltensweisen hinein gezwungen → Viele indigene Umweltkollektive sind sich heute sicher: Das "westliche" Wirtschafts- und Politiksystem ist zum Großteil für den Klimawandel verantwortlich.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es jetzt wohl wäre, wenn die Kolonialmächte damals auf die indigenen Völker gehört hätten. Ich bin mir sicher, dass wir heute keine solche Klimakrise erleben müssten.”
Adriani Maffioletti, Umweltaktivistin und Menschenrechtsaktivistin für indigene Völker

Indigene Völker kümmern sich um den Erhalt der Biodiversität

Durch ihre umweltbewusste Lebensweise

Viele altbewährte Traditionen indigener Völker haben einen positiven Einfluss auf die Tier- und Pflanzenwelt.

So hoch ist ihr Einfluss auf den Erhalt der Biodiversität:
  • 20% der bestehenden Artenvielfalt
  • 50% der bestehenden Artenvielfalt
  • 80% der bestehenden Artenvielfalt

Aber Achtung, Eugénie macht nochmal deutlich:

“Diese Menschen sind keine Magier:innen, sondern leben einfach mit dem Wissen, das seit Jahrtausenden von Generation zu Generation weitergegeben wurde.”

Übrigens zeigen Studien heute, dass das von indigenen Völkern bewirtschaftete Land eine größere Artenvielfalt aufweist als Naturschutzgebiete, die von Menschen nicht betreten werden dürfen (nachgewiesen etwa in Kanada, Brasilien, Australien).

Ganz natürlich: Ein schonender Umgang mit Böden

Die Natur ist in diesen Gebieten auch deshalb so gut erhalten, weil die indigenen Völker alles daran setzen, ihr Land vor zerstörerischen Industrien zu schützen (z.B. vor der Goldindustrie in Guyana).

"Die Böden der indigenen Völker zählen durch den guten Umgang zu den nährstoffreichsten weltweit. Genau das ist der Grund, weshalb große Unternehmen hier die letzten Ressourcen anzapfen wollen."
Taneyulime Pilisi, Vorsitzende der Organisation AUKAE, vom Kalina-Volk

Auch der jüngste IPBES-Bericht bestätigt dies: Waldrodungen kommen in den indigenen Gebieten deutlich seltener vor, insbesondere dann, wenn die Rechte der Einheimischen geachtet werden (Landrechte, Weitergabe von Fachwissen, Erlernen von neuen Sprachen, Aufzeigen alternativer Lebensformen).

Für das Vorhaben, die Umwelt zu erhalten, haben einige bereits einen sehr hohen Preis zahlen müssen: Im Jahr 2020 wurden weltweit 227 Menschen im Kampf für die Verteidigung ihres Landes ermordet. Laut der NGO Global Witness waren mehr als ein Drittel davon indigene Menschen.

“Wir haben es oft mit Goldsucher:innen* zu tun, also Menschen, die aus den natürlichen Ressourcen Profit machen wollen. Und mit Regierungen, die uns unser Land wegnehmen wollen. Und dabei betrifft uns das im Endeffekt doch alle, denn wenn wir unser Land nicht schützen können, kann die Artenvielfalt langfristig nicht erhalten bleiben.”
Adriani Maffioletti, Menschenrechtsaktivistin

Wir können viel von indigenen Völkern lernen

Noch ein weiterer Punkt, warum wir indigenen Völkern mehr Mitspracherecht einräumen sollten, wenn es um Umweltschutz geht: “Wissenschaftler:innen und indigene Völker zusammenzubringen, damit beide voneinander lernen können, wird die Nachhaltigkeit und den Erhalt wildlebender Arten zukünftig stärken” (eine weitere Erkenntnis des IPBES).

Eine solche Art der Zusammenarbeit besteht bereits. Im Water Resources Research Center Tucson versuchen Forscher:innen beispielsweise bereits Lösungen für neue Wasserressourcen zu finden, indem traditionelles indigenes Wissen mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden werden.

Eugénie verwendet dazu gerne das Beispiel der “Drei Schwestern”.

Was meint Eugénie mit den “Drei Schwestern”?
  • Ein Märchen über die Menschen im Einklang mit der Natur
  • Eine spezielle Anbaumethode
  • 3 Schwestern, die im Widerstand der Navajos kämpften

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🧐 Und jetzt?

Laut Taneyulime Pilisi und Adriani Maffioletti gibt es auf nationaler wie auch internationaler Ebene noch einiges zu tun, um die Rechte indigener Völker und damit ihren Lebensraum zu schützen:

  • Einhaltung internationaler Konventionen und Gesetze zu den Rechten indigener Völker (Deutschland hat zum Beispiel bereits die "ILO-Konvention 169" unterschrieben, die den rechtsverbindlichen Schutz indigener Völker anerkennt)

  • Reparaturzahlungen an indigene Völker: um sie für zugefügte Schäden zu entschädigen und sie dabei zu unterstützen, mit den zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels umzugehen

  • Bereitstellung einer angemessenen Beteiligung am internationalen Verhandlungstisch, nicht nur als symbolische Geste

Und was kannst du tun? Adriani Maffiolettis Vorschlag: Hilf den indigenen Völkern, ihre Message zu verbreiten, z.B. über Social Media oder durch deine Teilnahme an Demos!

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🔍 Was bedeutet…

IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services): Eine zwischenstaatliche Gruppe von Expert:innen zum Thema Biodiversität, die politischen Entscheidungsträger:innen unabhängige Informationen zum Zustand der Biodiversität zur Verfügung stellt.

Goldsucher:innen: Personen, die mithilfe unterschiedlicher Techniken und chemischen Verfahren Gold abbauen.

Ethnozid: Die absichtliche Zerstörung des kulturellen Erbes und der kulturellen Identität eines Volkes oder einer ethnischen Gruppe, ohne dabei zwingend zu morden.

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👀 Quellen

Interview mit Taneyulime, Präsidentin der Organisation AUKAE
Interview mit Adriani Maffioletti, Umweltaktivistin und Aktivistin für die Rechte indigener Völker
Interview mit Eugénie Clément-Picos, Doktorandin und Sozialanthropologin am EHESS und Koordinatorin des Amerika-Instituts an der UCLA
IPBES
UNEP
Global Witness
Survival Internation - Convention 169

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Esther Meunier
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