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Warum sollte es mehr Draußenunterricht geben?

Drei von vier Kindern...
  • ...verbringen weniger Zeit im Freien als Häftlinge.
  • ...spielen nie draußen.
  • ...gehen nur einmal pro Woche an die frische Luft.

Tine Nieboer und Alexandre Ribeaud sind beide Lehrer:innen und organisieren mit ihren Schüler:innen Unterricht im Freien (Tine in den Niederlanden, Alexandre in Frankreich). Mathilde Poupée ist pädagogische Leiterin der Klimaakademie in Paris. Die drei erklären dir, wie Draußenunterricht aussieht und warum es so cool ist.


Die Vorteile

Beim Lernen in der freien Natur sein → das hat sooo viele Vorteile für Kinder (und sogar für Erwachsene):

  • Es ist gut für die Gesundheit (körperlich und geistig). Kinder haben ein Grundbedürfnis, draußen zu sein und sich zu bewegen.

  • Es ist gut für das Selbstvertrauen, weil die Betreuer:innen den Kindern viele Freiheiten lassen (auf Bäume klettern, Hütten bauen, mit Regenwürmern spielen ... alles erlaubt). Die Kinder spüren, dass es okay ist, was sie machen und werden selbstbewusster. "Es hilft auch, aus der typischen Klassenzimmer-Struktur stehende:r Lehrer:innen/sitzende Schüler:innen auszubrechen", fügt Mathilde hinzu. “Instinktiv sitzen die Kinder im Kreis, das ist viel gemeinschaftlicher.”

  • Es ist gut für die Zusammenarbeit und den Klassenzusammenhalt. Kinder, die noch nicht oft gemeinsam mit anderen gespielt haben, fangen nun damit an: "Auf eine Art erleben sie so ein gemeinsames Abenteuer, bei Regen erst recht", erklärt Alexandre.

  • Es ist gut fürs Lernen (bessere Konzentration). Eine Schülerin konnte im Unterricht beispielsweise nicht stillsitzen und hat alle gestört. Sobald sie draußen war und ihre Nase in ein Pflanzenbuch gesteckt hat, kamen ganz andere Seiten von ihr zum Vorschein. "Im Freien ist die Aufmerksamkeit weniger auf einen einzelnen Punkt (Tafel, Lehrer:in) gerichtet, der Blick wandert umher", bestätigt Mathilde. “Das Gehirn ist nicht für eine künstliche Umgebung mit unbeweglichen, geometrischen Dingen gemacht, sondern für bunte, sich bewegende Eindrücke ... Draußen zu sein nährt dieses natürliche Bedürfnis."

  • Es ist gut für die Sprache, denn wenn das Kind Dinge erlebt, die vom Alltag abweichen, hat es mehr Lust, sie zu erzählen. Sogar die Eltern bestätigen, dass ihr Kind nach dem Draußenunterricht gesprächiger ist.

  • Es ist gut für die Motivation (draußen UND auf dem Weg zurück in die Klasse). "Die Eltern berichten mir, dass sie an den Tagen mit Draußenunterricht viel weniger Schwierigkeiten haben, die Kinder zum Aufstehen zu bewegen", erzählt Tine.

  • Es ist auch gut für die Umwelt! Manche Kinder haben anfangs Angst vor der Natur (sie ist schmutzig, es gibt Gefahren...). Durch den Draußenunterricht lernen sie die Umwelt kennen und schätzen und das ist der erste Schritt, um sie zu schützen!

Auch die Eltern schätzen es sehr, dass ihre Kinder während der Unterrichtszeit mehr im Freien sind. Tine erklärt, dass sie “nach der Pandemie froh waren, dass ihre Kinder sich mehr an der frischen Luft bewegen konnten".


Wie sieht Draußenunterricht genau aus?

Wann? Tine und Alexandre organisieren ihre "Outdoor"-Einheiten mit ihren Schüler:innen immer an einem Vormittag pro Woche. Auch im Winter. Und auch wenn es regnet.

"Es gibt kein ‘schlechtes Wetter’, nur schlechte Kleidung."
Tine Nieboer

Wo? Alexandre hat den Parc de la Villette (in Paris) und den Platz neben seiner Schule getestet. Tine geht in einen nahegelegenen Wald. Die Klimaakademie organisiert in ihrem begrünten Hof (der auch einen Bereich zum Unterrichten bietet) einige Workshops an, zum Beispiel zur biologische Vielfalt in der Stadt.

Wie? Man kann auf viele verschiedene Arten draußen unterrichten:

  • Den gleichen Unterricht wie sonst abhalten, nur draußen statt im Klassenzimmer.

  • Denselben Unterricht wie üblich abhalten, aber die Natur zum Lernen nutzen. "Wenn ich Mathematik unterrichte, versuche ich, die Dinge um uns herum zu integrieren”, erzählt Tine. “Zum Beispiel mit Ästen ein Quadrat auf den Boden zeichnen, um das Konzept der quadratischen Form besser zu verstehen".

  • Die Gelegenheit nutzen, um Wissen über die Natur zu vermitteln, z. B. Namen von Insekten, Vögeln, Pflanzen usw.

  • Keinen vorgegebenen Unterricht abhalten und die Schüler:innen einfach spielen lassen. “Wir erklären die Regeln und lassen sie dann zwei Stunden lang frei spielen", erklärt Alexandre.“Erst spielen sie z.B. Wolf oder etwas in der Art und dann gehen sie aufeinander zu und arbeiten zusammen: Du willst ein Baumhaus bauen, was brauchst du dafür?”

Ist das nur für junge Kinder? “Leider schon ein bisschen”, meint Mathilde. "In Frankreich wird die Natur nicht ernst genommen, der Unterricht im Freien ist als ‘für die Kleinen’ abgestempelt". Aber auch für Schüler:innen der Mittel- und Oberstufe gibt es diese Möglichkeit. Eine Kollegin von Alexandre in der Berufsschule hat zum Beispiel damit begonnen, ihre Tests draußen in einem Park abzuhalten, und festgestellt, dass es besser klappt. Dasselbe gilt für die Wiederholungsstunden, bei denen sich die Schüler:innen draußen besser konzentrieren konnten.

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👀 Quellen

Interview mit Tine Nieboer, Grundschullehrerin in Amsterdam
Interview mit Alexandre Ribeaud, Vorschullehrer in Paris
The Guardian
WWF
ZDF

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Esther Meunier
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Pauline Vallée
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