Startseite
Ein Flugzeug fliegt über Bäumen
3 min

Warum Fliegen nicht durch Bäume pflanzen kompensiert werden kann

“Reisen bildet”, heißt es oft. Dazu gehört wohl auch, zu lernen, wie schlecht Flugreisen für’s Klima sind.

Hin- und Rückflug von Paris nach New York sind ungefähr:
  • 500 kg CO2e*
  • 1 Tonne CO2e
  • 2 Tonnen CO2e

Um weniger klimaschädliche Reisen zu ermöglichen, bieten Fluggesellschaften ihren Passagier:innen an, ihren Flug zu “kompensieren”.

So funktioniert es: Kund:innen zahlen etwas höhere Preise, und das zusätzliche Geld wird dazu genutzt, einen Baum zu pflanzen, damit die Treibhausgasemissionen deiner Flugreise durch das junge Gewächs aufgenommen werden können.

Das Problem: Es ist leider nicht besonders wirkungsvoll

→ Falls deine Friends denken, dass ihr Wochenendausflug nach Rom kaum etwas ausmacht, weil sie 2€ auf’s Flugticket draufgezahlt haben: Hier ein paar Gründe, warum das leider nicht aufgeht.

Argument Nr. 1:

"Alles gut, wir kompensieren unsere Emissionen einfach, let's go!"... Äh, ja ne ist klar. Es dauert Jahrzehnte bis der Baum die Menge an Co2 absorbiert hat, die bei einem Flug innerhalb weniger Stunden ausgestoßen wird!

Das Hauptproblem der CO2-Kompensation ist der Zeitaspekt:

“Pflanzt man heute einen Baum, dann braucht er mehrere Jahrzehnte, um zu wachsen und die Menge CO2-Äquivalent zu absorbieren, die bei einer einzigen Flugreise ausgestoßen wird.” - Sylvain Angerand, von Canopée

Argument Nr. 2:

"Solange Co2 absorbiert wird, ist doch alles gut, oder?" Naja das Ding, dass wir halt nicht mehr so viel Zeit haben...

Das Klima wartet nicht auf uns: Die Konsequenzen der heutigen Treibhausgasemissionen werden schon zu spüren sein, bevor der gepflanzte Baum sie “kompensiert” (= absorbiert) hat…

Und die Konsequenzen könnten gravierend sein: “Uns drohen Temperaturen, bei denen die Wälder mehr Kohlenstoff abgeben, als sie aufnehmen!”

Denn wenn sich die Luft erwärmt, dann verändert sich der Photosyntheseprozess* der Bäume. Sie absorbieren das CO2 weniger effektiv, und, im worst case: stoßen selbst welches aus.

Argument Nr. 3:

Co2-Absorption ist immer nur temporär!

It is what it is: Auch Bäume müssen sterben. Egal, ob sie gefällt werden, verbrennen, von Krankheiten befallen werden oder eines “natürlichen Todes” sterben, früher oder später setzen sie all den Kohlenstoff frei, den sie im Laufe ihres Lebens aufgenommen haben…

Ein Baum speichert Treibhausgase also nicht für immer, und wenn wir weiterhin welche produzieren, bleibt letztendlich trotzdem ein Überschuss in unserer Atmosphäre.

Argument Nr. 4:

"Bäume pflanzen ist doch trotzdem super für die Umwelt, Biodiversität etc.?" Öhmm, nicht so wirklich...

Da es einige Zeit dauert, bis Bäume ausreichend Kohlenstoff absorbieren können, werden auf den Plantagen, die der Kompensation dienen, oft Baumarten gepflanzt, die besonders schnell wachsen.

Doch es gibt einen Haken: Es entstehen große Flächen von identischen Pinien- der Eukalyptusbäumen (aka. Monokulturen), die meistens in Gebieten und Ökosystemen angebaut werden, an die sie nicht angepasst sind (Prärien, Savannen, Tundra…).

Das schadet nicht nur der Biodiversität, sondern auch dem Wasserkreislauf und den Böden!

Argument Nr. 5:

Es wird keine Rücksicht auf einheimische Bevölkerung genommen!

Oftmals werden die Baumplantagen ohne das Einverständnis der lokalen Bevölkerung angebaut.

→ Selbst wenn es für den “gute Zweck” (aka. das Klima) ist, werden autochthonen Völkern Gebiete genommen und für neue Zwecke verwendet.

Argument Nr. 6:

"Aber warum werden Kompensationen denn überhaupt angeboten?" Ehrlich? Um dir ein besseres Gewissen zu machen...

“Die Kompensation von Flugemissionen ist sinnlos, wenn nicht sogar kontraproduktiv, denn sie verhindert, dass man sich Gedanken über das eigene Reiseverhalten macht, bzw. dass man sich die Frage stellt, ob Fliegen wirklich notwendig ist.” - Sylvain Angerand, von Canopée


Selbst wenn beim Flugverkehr kleine Fortschritte in Richtung Klimaschutz gemacht werden, reichen diese noch lange nicht aus.

Es gibt zwar schon Flugzeuge, die mit Wasserstoff oder Strom betrieben werden, doch diese Technologien sind noch weit davon entfernt, praktische Lösungen zu sein (und werden es vielleicht niemals werden)

Wie wir jetzt wissen, bringen Kompensation von Emissionen auch nicht wirklich was.

Das einzige wirkliche Lösung ist, die Anzahl der Flüge zu senken…!

····················

🧐 Und jetzt?

Um bei Reisen weniger CO2-Emissionen zu erzeugen, kannst Du mit dem Zug, dem Fahrrad, oder dem Schiff fahren (Achtung, Kreuzfahrtschiffe sind auch extrem klimaschädlich), zu Fuß gehen oder trampen → Es gibt also viele Möglichkeiten, um neue Orte zu entdecken, ohne dem Planeten zu schaden!

Vielleicht inspirieren dich ja:

Noura Iffa, die mit dem Fahrrad durch Afrika reist

Interrail, eine Möglichkeit, mit dem Zug Europa zu entdecken

Und generell empfiehlt Sylvain Angerand eine bestimmte Lösung: weniger Tickets verkaufen. Dazu müsste man zunächst die Menge an CO2 abschätzen, die man noch ausstoßen darf, und nur entsprechend viele Reisen möglich machen.

Was hältst du von der Idee, Tickets zu rationieren?
  • Klingt doch top
  • Hm, ich bin nicht so Fan davon
  • Darüber muss ich nochmal nachdenken

····················

🔍 Was bedeutet...

Photosynthese: Biologischer Prozess, bei dem Pflanzen mit ihren Blättern CO2 aufnehmen, dieses mithilfe von Sonnenenergie in Kohlenhydrate (und dann in Energie) umwandeln. Dabei setzen sie Sauerstoff in der Luft frei.

CO2e: Abkürzung für “CO2-Äquivalent”. Das ist eine Einheit zur Messung und zum Vergleich von Treibhausgasemissionen (= dank dieses Begriffs, muss man nicht “1 Tonne CO2 + 1 Tonne Methan + 1 Tonne Stickstoff” aufzählen, sondern kann einfach “3 Tonnen CO2-Äquivalent” sagen).

····················

👀 Quellen

International Council on Clean Transportation
Aviation civile
Carbone 4
Sylvain Angerand, von Canopée
BL Evolution
Alternatives Économique
Le Monde
Slate

author image
Esther Meunier
À la recherche de bonnes nouvelles