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Eine Pflanze, vor einem Wohnhaus
5 min

Urban Farming: Ein Gemüsebeet in der Stadt?

Worum geht’s?

Um urbane Landwirtschaft (oder Urban Farming), also um den Anbau von Lebensmitteln in der Stadt oder in städtischen Gebieten.

Hier ein paar Facts:

Es gibt viele verschiedene Formen von Urban Farming: Schrebergärten, Rooftop-Beete, vertikale Landwirtschaft, Hydroponik*...

Man kommt auch gut mit wenig Platz klar: ein grünes Stück Rasen zwischen zwei Straßen, auf Dächern, am Rand eines Parks...

Man kann frisches Obst, Gemüse sowie Gewürze und sogar einige tierische Produkte anbauen und produzieren (z.B. Eier, Fisch, Honig).

Urban Farming entwickelt sich gerade in immer mehr Städten auf der ganzen Welt, in reichen Ländern, aber auch in Entwicklungsländern.

Wie viele urbane Beete wurden 2015 in Europa gezählt?
  • 800
  • 2.800
  • 8.000

Ist Urban Farming eine gute Idee?

  • Die urbanen Projekte schützen die Biodiversität. Sie beherbergen und ernähren Insekten, Vögel und kleine Tiere. Die Vegetation spendet Schatten und frische Luft. Durch die nicht-betonierten Bereiche kann das Regenwasser ins Grundwasser einsickern und kann so Überschwemmungen vorbeugen!
  • Die urbane Landwirtschaft ist eine Einnahmequelle für sehr viele Menschen (1996 waren es 100 Millionen)
  • Sie fördert soziale Beziehungen.
  • Konsumiert man Produkte, die nebenan angebaut wurden, überspringt man viele Zwischenschritte, spart Kosten und kauft günstiger ein. Praktisch, weil: Transport- und Logistikkosten machen in einigen Ländern mehr als die Hälfte der Lebensmittelpreise aus.
  • Der lokale Anbau macht Städte autonomer und unabhängiger.

Also, es ist eine gute Idee, oder?

Ja. Aber... (es gibt immer einen Haken) - kann die urbane Landwirtschaft alle Bewohner:innen einer Stadt ernähren? Eine Studie von 2017 hat verschiedene Szenarien in europäischen Städten erarbeitet. Das Ergebnis: Selbst wenn man die Produktionsmethoden und Ernährungsweisen anpassen würde, ist nicht genug Platz, um alle notwendigen Nahrungsmittel vor Ort anzubauen.

Man müsste zum Beispiel eine 42.000 km² große landwirtschaftliche Zone um London herum bauen, um alle Einwohner:innen der britischen Hauptstadt zu ernähren. Das würde so aussehen ↓

Durch ein paar kleine Anpassungen könnte diese Zone zwar verkleinert werden (z.B. in dem man die Lebensmittelverschwendung reduziert), aber auch das Bevölkerungswachstum der Stadt muss mit einberechnet werden.

Im Jahre 2050 leben voraussichtlich:
  • 30% der Menschheit in Städten
  • 50% der Menschheit in Städten
  • 70% der Menschheit in Städten

Fazit: Urban Farming ist ziemlich nice, kann aber keine unabhängige Lebensmittelversorgung für die ganze Stadt garantieren.

Und ähm.. ist es wirklich safe, Zucchinis zu essen, die direkt neben den vielen Abgasen gewachsen sind? Die gesundheitlichen Risiken hängen von der Stadt, dem Land und den Anbaumethoden ab. Produkte aus biologischem Anbau* enthalten weniger Pestizide als Produkte aus intensiver Landwirtschaft.

Bleibt noch die Sorge um die Luft- und Bodenverschmutzung. 2012 haben Teams des AgroParisTech und des INRA 10 urbane Anbauorte in der Pariser Region untersucht.

1 enthielt Kulturen mit erhöhten Schadstoffwerten (Cadmium, Blei, Arsen, Nickel) > über den europäischen Normen.

0 enthielten Kulturen mit erhöhten Kohlenwasserstoffwerten > über den europäischen Normen.

Man muss natürlich ein bisschen vorsichtig sein, aber es ist auf jeden Fall möglich, Produkte zu essen, die in der Stadt angebaut wurden, ohne vergiftet zu werden.

Würdest du diese Produkte essen?
  • Easy, gar keine Frage!
  • Je nach dem, wie die aussehen...
  • Auf keinen Fall!

Die urbane Landwirtschaft muss sich an den Standort anpassen: Keinen Mais in trockenen Gebieten und keine Tomaten, wenn dort kaum Sonne scheint. Auch müssen die lokalen Ressourcen beachtet werden. In Tansania hat das Amt für kommunales Grund- und Abwasser beispielsweise berechnet, dass mehr als 1/3 des Trinkwassers in Stadtgebieten verschwendet wurde, weil Rohre undicht waren und Wasser illegal abgezapft wurde.

Urban Farming reduziert den Co2-Fußabdruck einiger (nicht aller) Lebensmittel. Allgemein macht aber der Transport nur einen kleinen Teil davon aus: 6%.

Es kommt aber auch immer auf das Produkt an sich an. Bei einer Banane oder einem Apfel kann der Transport zum Beispiel sogar 25-45% des Co2-Fußabdrucks ausmachen. In diesem Fall ist es tatsächlich sinnvoller, die Produkte lokal herzustellen. Die Zahl hängt außerdem von der Produktionsmethode ab. Kurz gesagt: Ein klassisches Gemüsebeet anlegen ist top / Eine hochmoderne Indoor-Farm aufbauen eher nicht so.


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🧐 Und jetzt?

Du hast Zeit und einen Garten? Let’s go und lege deinen eigenen Gemüsegarten an. Wenn du dich noch nicht so gut auskennst, gibt es viele Möglichkeiten, wie du dich weiterbilden kannst.

Du hast Zeit, aber keinen Garten? Die Website Gartenpaten bringt faule Gartenbesitzer:innen und motivierte Mitgärtner:innen zusammen. Schau auch mal nach, ob deine Stadt Gemeinschaftsgärten anbietet. Suche auch nach Nachbarschaftsgärten und ähnliche Projekte in deiner Nähe.

Du bist leider immer busy? Gemüse zu kaufen, dass direkt bei dir in der Stadt angebaut wird, unterstützt die lokalen Erzeuger:innen und ist schonmal ein guter Anfang.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat 2020 ein Projekt ins Leben gerufen, um Städte durch “nachhaltige Agrar- und Ernährungssysteme” unabhängiger zu machen. Mach doch mal deine Stadt darauf aufmerksam, vielleicht ist das eine Idee!


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🔍 Was bedeutet...

Biologischer Anbau: Landwirtschaft, die ohne giftige Pestizide und Chemikalien betrieben wird.

Hydroponik: Anbaumethode, bei der die Pflanze in einer Nährlösung und nicht in der Erde wächst.


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👀 Quellen

City, Culture and Society
Urban Agriculture and Health
FAO - Methods for estimating greenhouse gas emissions from food systems
FAO - The State of Food and Agriculture
FAO - Food and the City: Growing our Urban Future
Europäisches Parlament
Sustainable Cities and Society

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Pauline Vallée
Nachbarin von Totoro