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Überbevölkerung: Sind wir wirklich zu viele auf der Erde?

Wir sind jetzt ganze
  • 7 Milliarden Menschen auf der Erde
  • 8 Milliarden Menschen auf der Erde
  • 9 Milliarden Menschen auf der Erde

Ist das weltweite Bevölkerungswachstum gefährlich?

Die Weltbevölkerung wächst im Jahr um…
  • 1%
  • 5%
  • 10%

Seit 2019 liegt die Bevölkerungswachstumsrate der Welt (erstmals seit 1950) unter 1%. Das bedeutet: Die Weltbevölkerung wächst stetig weiter, weil es mehr Geburten als Sterbefälle gibt. Allerdings wächst sie deutlich langsamer als vor 50 Jahren.

Die Menschheit bekommt derzeit aus unterschiedlichen Gründen weniger Kinder. Die Fertilitätsrate beträgt heutzutage circa 2,3 Kinder pro Frau. Vor 50 Jahren lag sie noch bei 5 Kindern. Sie sinkt immer weiter und könnte 2050 bei 2,1 und 2100 bei 1,8 liegen!

Sobald die Fertilitätsrate 2,1 Kinder pro Frau erreicht, stagniert die Anzahl der Menschen auf diesem Planeten. Die Bevölkerung wächst dann nicht weiter, nimmt aber auch nicht ab, sondern bleibt gleich (weil die Geburtenrate dann ebenso groß ist wie die Sterberate). Vor einer explodierenden Weltbevölkerung müssen wir uns also keine Sorgen machen. 2100 könnten wir zwar 10 Milliarden Menschen auf der Erde sein, allerdings ist das kein großes Wachstum (verglichen mit vergangenen Jahrhunderten, in denen wir uns teilweise verachtfacht haben)!

Seit wann ziehen wir die Verbindung zwischen Demografie und Umwelt?

Laut der Demografin Bénédicte Gastineau geht die Sorge um die Überbevölkerung, die eines Tages negative Folgen für die Umwelt haben könnte, auf die 1950er Jahre zurück, d. h. ab dem Zeitpunkt, als die Menschheit begann, eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie viele Menschen es auf der Erde gibt.

Damals herrschte vor allem die Sorge, ob es genug zu essen und zu trinken für all diese Menschen geben wird. Deshalb haben Länder des globalen Nordens zu dieser Zeit vor allem in Teilen Afrikas und Asiens Maßnahmen durchgeführt, um in diesen Ländern die “Bevölkerungsexplosion” zu stoppen. Dabei wurde zu Mitteln wie z. B. Zwangssterilisation oder der Ein-Kind-Politik gegriffen, die die Menschenrechte verletzen. Noch heutzutage verteidigen einige Menschen solche Lösungen.

Sollten wir die Geburtenrate regulieren?

Ein Kind weniger bekommen =
  • 10 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen
  • 45 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen
  • 58 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen

Für Jean-Loup Bertaux, Planetologe und Forschungsdirektor des French National Centre for Scientific Research, ist "die Überbevölkerung der größte Feind der Ökologie".

Seiner Meinung nach ist diese Methode viel effektiver und vor allem viel akzeptabler für die Bevölkerung, als von heute auf morgen ihren Lebensstil ändern zu müssen: "Die reichen Leute [die am meisten konsumieren] leben vor allem in Demokratien. Wenn Sie also glauben, dass diese jemanden wählen, der ihnen sagt, sie sollten 43% weniger konsumieren... Nun, das wird so nicht passieren."

Doch viele Demograf:innen sehen das anders

Gilles Pison, Demograf, Berater der Direktion am französischen Institut für Demografieforschung und Professor am französischen Nationalen Naturkundemuseum verwendet “niemals das Wort 'Überbevölkerung’ oder ‘Bevölkerungsexplosion’, die beide völlig falsch sind".

Denn wenn man die zu Beginn des Artikels angegebenen Tendenzen aufgreift, verlangsamt sich das Wachstum der Weltbevölkerung seiner Meinung nach eher "schneller als erwartet".

Und dann gibt es noch andere Gründe, warum Demograf:innen dem Konzept der Überbevölkerung skeptisch gegenüberstehen.

Statt der Bevölkerung sollten unsere Lebensweisen geändert werden

Für Demografin Bénédicte Gastineau haben viele "die vereinfachte Auffassung, dass weniger Menschen auf der Erde weniger Ressourcen verbrauchen würden, [...] aber was wir sehen, ist, dass es nicht so sehr auf die Anzahl der Menschen ankommt, sondern auf die Produktions- und Konsummuster."

Wie viel CO2 emittiert ein:e Amerikaner:in jährlich?
  • 6,5 Tonnen
  • 12,3 Tonnen
  • 17,8 Tonnen

Auch Gilles Pison meint: "Es gibt keine ideale Größe der Weltbevölkerung, es kommt auf die Lebensweise an." Auch bei der Lebensmittelknappheit ist nicht die “Überbevölkerung” das Problem. Laut ihm (und dem World Resources Report der UN, der Weltbank und weiteren Organisationen) ist die Menschheit bereits dazu in der Lage, genügend Nahrung für alle Menschen herzustellen, vorausgesetzt sie wird besser verteilt, es wird deutlich weniger verschwendet, und es wird weniger Fleisch und weniger verarbeitete Produkte konsumiert.

Die beiden Demograf:innen sind der Meinung, dass es auch eine Frage der Gerechtigkeit und Fairness zwischen den Ländern des globalen Nordens (deren wirtschaftliche Entwicklung historisch gesehen für den Klimawandel verantwortlich ist) und den Ländern des globalen Südens (die sich ebenfalls entwickeln müssen und dabei einen umweltfreundlicheren Lebensstil pflegen) ist. Fun Fact: Genau das ist eines der großen Themen, die derzeit auf der COP 27 diskutiert werden!

Selbst wenn man heute versuchen würde, die Geburtenrate zu senken, wären wir dennoch bald 10 Milliarden Menschen auf der Erde

Es gibt noch ein weiteres Phänomen, das Demograf:innen gut kennen und das der Vorstellung widerspricht, dass die Weltbevölkerung unbedingt reduziert werden muss: die demografische Trägheit. Aber was ist das?

Selbst wenn wir weltweit das Kinderkriegen einschränken würden (z. B. durch Maßnahmen wie die Ein-Kind-Politik), würde die Weltbevölkerung für eine gewisse Zeit weiter steigen.

Der Grund: Unsere Bevölkerung besteht aus relativ wenigen alten und sehr vielen jungen Menschen (aka viele sind im fortpflanzungsfähigen Alter). Deshalb können wir nicht wirklich verhindern, dass wir in ein paar Jahrzehnten 2 Mrd. mehr als jetzt sein werden. Daher ist es am effektivsten, auf den Lebensstil einzuwirken, um Veränderungen zu erwirken.

Und wenn wir das Weltbevölkerungswachstum wirklich dezimieren wollten, wie würden wir es anstellen?

Einige Möglichkeiten wären: Sexuelle Bildung, Familienplanung, Verhütung und Abtreibung zugänglich und bezahlbar machen (das wäre generell ziemlich cool!) Außerdem sind viele Menschen in armen Ländern darauf “angewiesen”, Kinder zu bekommen, um später finanziell abgesichert zu sein. Um dem entgegenzuwirken, könnten Sicherheits- und Rentensysteme eingerichtet, bzw. ausgebaut werden.

Doch unter diesen Umständen die Fertilitätsraten stark zu senken, würde laut Bénédicte Gastineau enorme Menschenrechtsprobleme aufwerfen: "Es wäre unmöglich, es sei denn, man hätte eine extrem autoritäre Politik wie in China, und in diesem Fall, wie macht man das und wo fängt man an?", fragt sie sich.

In den Kinderwunsch und die Familienplanung einzugreifen, kann sehr problematisch sein, weil damit die Selbstbestimmung der Menschen verletzt wird (besonders der fortpflanzungsfähigen Menschen) und, weil solche Maßnahmen oftmals nur für bevölkerungsreiche Länder des globalen Südens gedacht werden. Es erinnert an koloniale Strukturen, das Bevölkerungswachstum nur in Indien, Nigeria oder Pakistan dezimieren zu wollen und nicht beispielsweise in den USA.

Bonus: Gerade China, das lange Zeit eine Ein-Kind-Politik betrieben hat, steht heute vor dem umgekehrten Problem und versucht, seine Geburtenrate wieder zu steigern. Für Bénédicte ist diese Art von Maßnahmen also "nicht nachhaltig und nicht unbedingt wünschenswert". Es stellt sich umso mehr die Frage, ob sich die Bevölkerung nicht besser von selbst stabilisieren sollte.

Sollten wir weniger Kinder kriegen, um die Welt zu retten?

Quellen

Interview mit Gilles Pison, Demograf, Berater der Direktion am französischen Institut für Demografieforschung und Professor am französischen Nationalen Naturkundemuseum
Interview mit Jean-Loup Bertaux, Planetologe und Forschungsdirektor des French National Centre for Scientific Research
Interview de Bénédicte Gastineau, Demografin am l’IRD und am französichen Laboratorium “Population Environnement Développement”
UN - World Population Prospects 2022
The Conversation
World Resources Institute
ZEIT online
Climate Transparency Report 2022
DER SPIEGEL

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Esther Meunier
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Nicolas Quénard
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