Startseite
5 min

Der Geruch von verbranntem Plastik

Zwei Mal war ich jetzt in Indien und bin mehrere Monate mit dem Rucksack durch fast alle Teile des Landes gereist. Ich finde es generell immer erstaunlich, wie sehr sich Gerüche im Gehirn mit Erinnerungen verbinden. Mit Personen, Orten, Erlebnissen. Die Nase und die Gedächtnisleistung sind laut wissenschaftlichen Erkenntnissen eng miteinander verknüpft.

Zwei Gerüche werden mich für immer an Indien erinnern:

  • Der Geruch von Räucherstäbchen gemischt mit Gewürzen (wie zum Beispiel Garam Masala, eine typisch indische Gewürzmischung mit Kardamom und Kreuzkümmel)

  • Und noch viel stärker: der Geruch von verbranntem Plastik

Egal wo ich bin, ich werde automatisch und sofort nach Indien zurückversetzt und stehe wieder im Dschungel, am Strand in Goa, in Mumbai oder in einem indischen Dorf.

Politisch bewegt sich was

Mehr als vier Millionen Tonnen Plastikmüll kommen in Indien (übrigens: dem Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt) im Jahr zusammen. Entsorgt werden diese vier Millionen Tonnen hauptsächlich, indem sie verbrannt werden. Am Straßenrand, im Garten, im Hinterhof, auf dem Acker. Einfach überall sieht man brennende Müllhaufen und das hier soll kein Fingerzeig sein. Schließlich muss es auch eine Infrastruktur geben, Bildung, finanzielle Förderung etc.

Insgesamt lag Indien 2019 nach China und den USA auf Platz drei, was den gesamten CO₂-Ausstoß des Landes angeht. Pro Kopf allerdings an allerletzter Stelle. Und dennoch: Wenn der Müll nicht verbrannt wird, landet er im Abfluss, in Flüssen oder zum Beispiel im Magen der vielen Kühe, die in Indien frei herumlaufen. Denn Kühe sind für viele Inder:innen heilig, deswegen sind sie quasi Teil der Gesellschaft und sind überall unterwegs.

Jetzt hat die Regierung bestimmte Plastikprodukte verbannt, hauptsächlich Einwegplastik, um was gegen die Umweltverschmutzung zu tun.

Insgesamt sind das 19 Plastikartikel, die eigentlich wenig Nutzen haben, aber trotzdem Abfall produzieren. Dazu gehören unter anderem:

  • Plastikgeschirr (ab Juli 2022)
  • Strohhalme (ab Juli 2022)
  • Einwegtüten (ab September 2022)
  • Nach und nach immer mehr Wegwerfprodukte
  • ABER: Tausende andere Plastikprodukten, wie Flaschen oder Chipstüten, gibt es weiterhin.

In Zukunft ist es verboten, diese Artikel herzustellen, ins Land zu bringen, zu lagern, sie zu verbreiten oder zu verkaufen. Für die Hersteller der restlichen Plastikprodukte hat die indische Regierung Regeln festgelegt, damit diese für das Recycling oder die Entsorgung nach dem Gebrauch solcher Produkte verantwortlich sind: Ein Lichtblick für Indiens Müllproblem.

Für alle eine Umgewöhnung

Wann auch immer ich die staubigen Straßen Indiens entlang spazierte und die angenehme Atmosphäre aus Gelassenheit und Trubel auf mich einwirken ließ, kam ich an einem der vielen kleinen offenen Essensstände vorbei. Egal wann und wo ich kaufte, selbst wenn es nur ein kleines Samosa für auf die Hand sein sollte (das sind kleine frittierte leckere Teigtaschen, gefüllt mit Erbsen, Kartoffeln und Gewürzen) bekam ich IMMER eine Plastiktüte dazu, ob ich wollte oder nicht (ist allerdings in vielen Ländern so!). Die Händler:innen haben deswegen Sorge, dass durch ein Plastiktütenverbot ihre Kund:innen weniger kaufen könnten.. Um es den Kund:innen leichter zu machen und die Händler:innen zu schützen, sind Plastiktüten deswegen erstmal weiter erlaubt. Die Hersteller:innen und Importeur:innen müssen dafür aber dickere Plastiktüten einführen, weil die besser wiederverwendet werden können.

Viele Hersteller:innen hatten vorher versucht, die Regierung zu überzeugen, das Plastikverbot zu verschieben. Wegen der Inflation, um Arbeitsplätze zu erhalten und, weil sie nicht genug Zeit für die Umstellung gehabt hätten. Der indische Umweltminister Bhupender Yadav betonte aber, dass das Verbot schon seit einem Jahr in Planung sei. Mit dem Verbot setzt die Regierung gegenüber der Industrie und den Lebensmittel-, Getränke- und Konsumgüterherstellern ein Zeichen für mehr Umweltbewusstsein.

Kommt ihr gut ohne Plastik im Alltag klar?
  • Absolut, ich achte da sehr drauf beim Einkaufen.
  • Fast unmöglich, ist ja alles doppelt und dreifach verpackt.
  • Keinen Mülleimer bringe ich öfter raus.

Weltweit läufts nicht besser

Weltweit betrachtet wird der meiste Plastikmüll übrigens nicht recycelt, sondern landet tonnenweise in unseren Weltmeeren, beeinträchtigt die Tierwelt und gerät ins Trinkwasser. Die Menschen in Deutschland trennen zwar fleißig Müll, doch der Umwelt bringt das in vielen Fällen gar nichts, hat eine Untersuchung vom BUND ergeben. Der Rest landet nämlich in Verbrennungsöfen oder wird eben ins Ausland verschifft.

Wie viel Plastik wird in Deutschland wiederverwertet?
  • Ca. 7 %
  • Ca. 16 %
  • Ca. 23 %

Indien hat schon seit über zwei Jahren ein Verbot von Plastik-Importen beschlossen. Seitdem kümmern sich die Recyclingfirmen verstärkt um die heimischen Müllberge – mit Erfolg.

Als ich meiner besten Freundin (die ich übrigens vor zehn Jahren auf meiner ersten Indienreise kennengelernt hatte) vor kurzem erzählte, dass Indien sich nun seinem Plastikproblem annehme, war sie ganz erstaunt! Das tägliche Feuer brennender Müllhaufen am Straßenrand gehört auch für gefühlt zum Bild des Landes.

Eine Woche ohne Plastik - ich habe den Test gemacht (und es war nicht einfach…)

....................

👀 Quellen

Interview
wissenschaft.de
Der Spiegel
IMB-Student
Statista
BBC

author image
Rachel Patt
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.