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Eine Lupe, in der ein Mensch zu sehen ist, der eine Pflanze mit Pestizid behandelt.
5 min

Was ist Chlordecon?

Chlordecon ist…
  • ...das, was im Schwimmbad im Wasser ist, damit es sauber bleibt.
  • ...ein sehr giftiges Pestizid.
  • ...der Künstlername eines Innenarchitekten.


Chlordecon: Worum geht es?

Chlordecon ist ein sehr (sehr, sehr) giftiges Pestizid, das von 1972 bis etwa 1993 insbesondere auf den Bananenplantagen von Martinique und Guadeloupe in sehr großen Mengen eingesetzt wurde. Damit sollte der Bananenrüsselkäfer bekämpft werden.

Der Bananenrüsselkäfer ist...
  • ...ein Käfer, der die Bananenpflanzen zerstört.
  • ...ein Käfer, der die Bananen auffrisst.
  • ...ein Käfer, der die Bananen mit seinen Ausscheidungen faulen lässt.

Es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass das Mittel extrem giftig war:

  • Schon im Jahr 1960 zeigten Versuche mit Ratten, dass das Pestizid Störungen verursacht. Und zwar am Nervensystem und in der Entwicklung von männlichen Geschlechtsorganen.

  • 1975 litten Arbeiter einer US-amerikanischen Produktionsanlage unter ähnlichen Beschwerden. Die Symptomen waren so schwer, dass die Anlage geschlossen und das Mittel in den USA ab 1977 verboten wurde.

  • 1979 wurde Chlordecon von der Weltgesundheitsorganisation als potenziell krebserregend für den Menschen eingestuft.

Keine sehr tolle Sache also dieses Chlordecon.

Trotzdem wurde es in Frankreich erst im Jahr 1990 verboten. Theoretisch zumindest, denn in der Praxis wurden für Martinique und Guadeloupe Ausnahmen gemacht. Die beiden Inseln gehören nämlich zu Frankreich, sie sind sogenannte Überseegebiete und aus ehemaligen französischen Kolonien entstanden.


Dort war Chlordecon bis 1993 erlaubt. (Laut den Arbeiter*innen auf den Plantagen wurde es auch nach 1993 illegalerweise weiterverwendet…)


Was ist das Problem mit Chlordecon?

Chlordecon wirkt sich sehr stark auf die menschliche Gesundheit aus:

  • Eine schwere Chlordeconvergiftung kann zu neurologischen Problemen führen (Zittern, Bewegungsschwierigkeiten, Gedächtnisstörungen ...). Diese Symptome verschwinden innerhalb weniger Monate, wenn die Belastung mit dem Pestizid gestoppt wird. (Ist aber trotzdem ganz schön heftig…)

  • Eine starke Vergiftung kann möglicherweise auch zu Fruchtbarkeitsstörungen und hormonellen Veränderungen führen, jedoch gibt es dazu noch nicht genügend Studien.

  • Sicher nachgewiesen ist aber, dass Chlordecon das Risiko einer Frühgeburt erhöht und sich negativ auf die motorische Entwicklung und die Lernfähigkeit von Säuglingen auswirkt.

  • Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es Krebs verursacht, insbesondere Prostatakrebs. Das haben mehrere Untersuchungen des französischen Gesundheitsinstituts IRSET gezeigt. Im Verhältnis zur Bevölkerung hält Martinique den (traurigen) Weltrekord an Prostatakrebs-Fällen, Guadeloupe liegt nicht weit dahinter.

Da die Auswirkungen von Chlordecon trotz allem noch nicht ausreichend erforscht sind, werden aktuell noch weitere Studien durchgeführt.


Chlordecon: Wie es die Umwelt und den Menschen verseucht

Wer ist von gesundheitlichen Problemen durch Chlordecon betroffen?

Die ersten Betroffenen sind die Landarbeiter:innen, die dem Mittel jahrelang ohne Schutzausrüstung ausgesetzt waren.

Tatsächlich ist aber sogar noch heute ein großer Teil der Bevölkerung von Guadeloupe und Martinique mit Chlordecon vergiftet…

Laut einer Studie betrifft die Vergiftung…
  • ...32 % der Einwohner:innen von Martinique und 35 % der Einwohner:innen von Guadeloupe.
  • ...62 % der Einwohner:innen von Martinique und 65 % der Einwohner:innen von Guadeloupe.
  • ...92 % der Einwohner:innen von Martinique und 95 % der Einwohner:innen von Guadeloupe.

Wie kommt es dazu?

Das große Problem mit Chlordecon ist, dass es sich um ein "persistentes" Molekül handelt. Das heißt im Prinzip, dass es nicht verschwindet. Wenn es erstmal da ist, dann bleibt es auch eine ganze Weile → Schätzungen zufolge kann es zwischen 400 und 700 Jahren in der Umwelt bleiben!

Außerdem verbreitet es sich überall: im Boden, in den Flüssen, an den Küsten, bis in den Ozean. So verseucht es auch Pflanzen (vor allem Wurzelgemüse) und Tiere, die mit ihm in Berührung kommen (z.B. Fische, Schalentiere, Rinder…).

Und so landet das Chlordecon dann schließlich im Magen der Menschen. Betroffen sind vor allem diejenigen, die sich von selbst angebautem Gemüse ernähren, das in ihrem Garten auf kontaminiertem Land wächst. Oft sind das die Leute, die in der Gesellschaft eh schon am stärksten benachteiligt sind. Für sie ist ein eigener Gemüsegarten eine gute Möglichkeit Geld zu sparen. Denn: Gekaufte Lebensmittel werden in der Regel importiert, weshalb die Preise meist (zu) hoch sind.


Was können wir dagegen tun?

Bisherige Maßnahmen gegen Chlordecon

Seit 2008 wurden vier Maßnahmen umgesetzt, um gegen die Auswirkungen von Chlordecon vorzugehen. Ihr Ziel war es vor allem, die Forschung voranzutreiben. Außerdem ging es darum, Lebensmittel zu überwachen, um die Verseuchung mit dem Pestizid zu begrenzen. Wichtig war und ist aber auch, die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und die Leute zu unterstützen, die durch verseuchten Boden oder Wasser in ihrer Arbeit eingeschränkt werden. (zB. Landwirt:innen, Fischer:innen)

Das aktuellste und vierte Vorhaben gilt für den Zeitraum 2021-2027. Die Hauptziele sind in etwa die gleichen:

  • Bestimmte Wasserquellen schließen, Anbauverbote und sogar ein Fischfangverbot in bestimmten Gebieten.

  • Die Bevölkerung besser informieren und sensibilisieren, damit sie sich besser schützen kann.

  • Die Basis für eine "Null-Chlordecon-Ernährung” schaffen.

  • Die Gesundheit der Bevölkerung besser überwachen (Heute ist es möglich, sich kostenlos testen zu lassen, um zu checken, wie viele Rückstände man von dem Pestizid im Körper hat.)

  • Landwirt:innen und Fischer:innen unterstützen, die von gesundheitlichen Einschränkungen betroffen sind.

  • Mehr Geld für Forschung. Die große Frage, die geklärt werden soll: Wie bekommt man die Chlordecon-Rückstände aus den Böden? Darauf gibt es bisher noch keine Antwort.

Gerichtliche Klagen

In Martinique und Guadeloupe fordern viele Leute auch eine Wiedergutmachung. Sie wollen, dass der Schaden gesehen wird und sie als Opfer anerkannt werden. → Mehrere Gerichtsverfahren wurden darum schon eingeleitet:

  • 2006 wurde eine Klage wegen der Vergiftung der Antillen mit Chlordecon eingereicht: Laut der Justiz scheint das meiste davon aber schon verjährt zu sein (= sie sind für ein gerichtliches Urteil schon zu lange her). Die Kläger:innen wollen es aber nicht dabei belassen und weiter dagegen vorgehen.

  • Es wird eine Entschädigung für die psychische Belastung gefordert, der die Anwohner:innen ausgesetzt sind. Auch wenn diese Forderungen bisher abgelehnt wurden, hat ein Gericht den französischen Staat in der Chlordecon-Frage schon wegen "schuldhafter Fahrlässigkeit" verurteilt.

Dazu kommt: Die gesamte Situation wird von vielen als sehr große Ungerechtigkeit empfunden. Eben weil das Pestizid auf dem französischen Festland schon früher verboten wurde, auf den beiden französischen Übersee-Inseln aber noch länger eingesetzt werden durfte. Viele Aktivist:innen finden, dass das Umweltrassismus* ist.

Ist jetzt klarer, worum es geht?
  • Safe!
  • Naja
  • Eher nicht…
Wer leidet am meisten unter dem Klimawandel?

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🔍 Was bedeutet

Umweltrassismus: Ein von Benjamin Chavis (ein afroamerikanischen Bürgerrechtler) geprägter Begriff, der umweltbedingte Ungleichheiten bezeichnet, die auf eine rassistische Gesellschaft zurückzuführen sind.

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👀 Quellen

ARTE
Spektrum
Zeit
Umweltbundesamt

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Esther Meunier
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