Startseite
5 min

Saatgut der Zukunft

Worum geht’s?

Um “bäuerliches Saatgut” (heisst wirklich so), auch genannt “freies und samenfestes Saatgut” oder “Saatgut für alle”: aka Samen und Körner.

Bäuerliches Saatgut hat 3 besondere Eigenschaften:

  • Es vermehrt sich Jahr für Jahr selbst (= samenfest)

  • Es gibt ein kollektives Wissen: Die Menschen, die es säen, tauschen sowohl die Samen als auch das entsprechende Know-How untereinander aus

  • Jede:r kann es benutzen, vervielfältigen, etc.: Das geistige Eigentum* an den Genen der Samen ist rechtlich nicht geschützt

→ Du denkst dir jetzt vielleicht: “Joa, irgendwelche Samen halt”, aber da steckt sehr viel mehr dahinter.


Was unterscheidet sie von herkömmlichen Samensorten?

Tatsächlich sind die allermeisten Samen kein bäuerliches Saatgut, sondern kommerzielles Saatgut → Es wird von der Agrarindustrie* hergestellt.

“Durch langwierige und teure Selektionsprozesse wählt die Agrarindustrie Samen aus und kreuzt sie miteinander, bis sie alle gleich große Salatköpfe erbringen, die lange haltbar sind… Ideal für Supermärkte also.”
Estelle von Réseau Semences Paysannes

Diese Sorten sind genetisch so sehr verändert worden, dass sie nach der Ernte des Obstes, des Gemüses oder des Getreides nicht wieder zur Aussaat verwendet werden können. Antoine, auch von der Bewegung Réseau Semences Paysannes, erklärt, dass die Wiederverwendung von Samen “eine Pflanze der 2. Generation erzeugt, die ganz anders aussehen wird, als die Vorgängerpflanze”.

Diese industriellen Samen gehören den Unternehmen, die sie hergestellt haben. Das heißt, dass man sie jedes Jahr wieder von den gleichen Firmen kaufen muss, um sie anzubauen .

Derzeit besitzen 3 große Unternehmen...
  • 20 % des Weltmarkts an Saatgut
  • 40 % des Weltmarkts an Saatgut
  • 60 % des Weltmarkts an Saatgut

Wie ist es dazu gekommen?

"Das kommt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Um möglichst viel zu produzieren, hat die Industrie Saatgut entwickelt, das hohe Erträge (= viele Ernten) erbringt, sofern mit Düngemitteln und Pestiziden gearbeitet wird", erklärt die französische Journalistin und Autorin Juliette Duquesne.

Im Wesentlichen ist genau das die Entwicklung der intensiven Landwirtschaft: Um möglichst große und ertragreiche Ernten zu erreichen, förderten die Regierungen den Verkauf von industriellem Saatgut. Verschiedene neue Regelungen verhinderten den Verkauf von bäuerlichem Saatgut, da dieses als weniger rentabel angesehen wurde.

→ Es gibt einen Katalog, der vorschreibt, was zu verkaufen und anzubauen ist. Die Auswahl ist jedoch sehr gering im Vergleich zur vorherrschenden Pflanzenvielfalt in der Natur. Laut Schätzungen der UNO machten im Jahr 2014 neun Pflanzen 66% aller Kulturen weltweit aus.

Von allen Samenarten, die früher angebaut wurden, sind...
  • 25 % verschwunden 👻
  • 50 % verschwunden 👻👻
  • 75 % verschwunden 👻👻👻

Bäuerliches Saatgut: Eine Lösung für die Zukunft?

Erster Vorteil: Die Ernährungssicherheit von morgen

“Das bäuerliche Saatgut wurde über 12.000 Jahre von Generation zu Generation weitergegeben. Der Klimawandel zeigt uns, wie wichtig diese Saatgutvielfalt ist, denn diese Samen werden sich anpassen können an den Boden, das Klima ..."
Juliette Duquesne

Die Superpower dieses "freien" Saatguts ist, dass es sich im Gegensatz zu Industriesaatgut selbst reproduziert. Wenn sie also in einem Jahr einer Dürre ausgesetzt sind, werden die übrig gebliebenen Pflanzen diejenigen sein, welche die Samen für die Ernte im darauffolgenden Jahr liefern. Diese nachfolgenden Pflanzen sind dann dürreresistenter.

"Außerdem funktioniert industrielles Saatgut in einem sich verändernden Klima weniger gut, weil es anfälliger ist", fährt Juliette fort

Zweiter Vorteil: Sie benötigen nicht so viel Düngemittel und Pestizide

Industrielle Samen sind im Prinzip Klone. Wenn eine der Pflanzen z. B. von einer Krankheit befallen ist, werden alle befallen! Es handelt sich also um weniger widerstandsfähiges Saatgut, wie wir oben schon gesagt haben: Damit ihre Erträge gut sind, brauchen sie Dünger und Pestizide ⚗️

All diese Produkte wirken sich auf die globale Erwärmung, die Artenvielfalt und den Boden aus... Das bestätigt sogar die FAO*: "[Diese Produkte] erfordern einen hohen Tribut von der Umwelt".

Freies Saatgut hingegen benötigt viel weniger davon, da es von Natur aus widerstandsfähiger ist.

Dritter Vorteil: Autonome Landwirt:innen

Wie dir vielleicht schon klar geworden ist, kann dieses Saatgut sich selbst reproduzieren, sodass die Landwirt:innen es nicht jedes Jahr von Monsanto und Co. neu kaufen müssen.

Dieser Punkt ist Juliette besonders wichtig: "Wir sehen es gerade bei Covid und der Krise in der Ukraine: Die Nahrungsmittelautonomie* eines Landes ist von entscheidender Bedeutung! Wenn es morgen ein Problem gibt und wir nicht in der Lage sind, unser Saatgut selbst zu erneuern, sondern es von multinationalen, nicht unbedingt einheimischen Konzernen kaufen müssen, dann ist das eine Gefahr".

Antoine fasst zusammen, dass es auch um die Wiederaneignung von Saatgut geht: "Die Landwirt:innen sind zu einer Art Befehlsempfänger geworden. Wir müssen daraus wieder einen Beruf machen, in dem wir sie ihr eigenes Saatgut anbauen und optimieren lassen. Diese Freiheit müssen wir ihnen zurückgeben”.



····················

🧐 Und jetzt?

Das bäuerliche Saatgut am Leben erhalten = Saatgut und Know-How austauschen und weiterentwickeln… es gibt einige Organisationen, die dabei helfen: GOSSI, terrabc, Saatgut: Vielfalt, Dreschflegel e.V..

Wenn du selbst dazu beitragen möchtest, die Samenvielfalt zu erhalten und zu verbreiten, empfiehlt dir Antoine:

  • Obst und Gemüse aus bäuerlichem Saatgut zu kaufen: "Du kannst die Leute einfach ansprechen und nachfragen, zum Beispiel auf Märkten".

  • Selbst Samen anzupflanzen und zu tauschen, die oben aufgelisteten Links können dir helfen.

····················

🔍 Was bedeutet…

Geistiges Eigentum: wenn eine Person oder Organisation etwas erschafft oder erfindet → sie ist dann die einzige, die es nutzen, verkaufen darf usw. (normalerweise für einen bestimmten Zeitraum, bevor es einer größeren Anzahl von Menschen zugänglich gemacht wird).

Agrarindustrie: jede Industrie, die etwas mit Landwirtschaft zu tun hat, dazu gehören auch Pestizide, Futtermittel, Molkereien etc.

FAO: Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen

Nahrungsmittelautonomie: die Möglichkeit, den Nahrungsbedarf einer lokalen Bevölkerung zu decken, indem diese Nahrung lokal produziert wird.

····················

👀 Quellen

Réseau Semences Paysannes
ETc Group
Ideas 4 development
FAO
Bioökonomie.de

author image
Esther Meunier
À la recherche de bonnes nouvelles